An einem Tag wie heute, im Jahre 1897 war es, als 6 Nachbar-Gemeinden zur Stadt hinzugefügt wurden. Ihre eigene Identität haben sie dennoch nie verloren.

BARCELONA / REDAKTION. Vor mehr als 120 Jahren mussten die Stadtpläne neu gezeichnet werden, denn die Außengrenzen der Stadt veränderten sich maßgeblich. Durch das königliche Dekret vom 20. April 1897 wurde entschieden, das Nachbar-Gemeinden zur Stadt hinzugefügt werden, die sich in unmittelbarer Umgebung befinden.

„Die Orte Gràcia, San Martí, Sants, San Andreu, Sant Gervasi und Les Corts werden zur Stadt Barcelona hinzugefügt”. In diesen Worten stand es geschrieben und das große Barcelona wurde endgültig aus der Taufe gehoben.

Das es zu dieser Zusammenlegung kam war allerdings keine Frage von wenigen Tagen.

Mehr als 20 Jahre forderte Barcelonas Stadtrat die Regierung auf, dass Nachbar-Gemeinden zur Stadt hinzugefügt werden dürfen. Die alten Stadtmauern wurde abgerissen, doch verfügte man kaum über eigenes Land um den Plan Cerdà umzusetzen. Die Verantwortlichen der Stadt betonten, dass es „keine Zweifel über die Zweckmäßigkeit dieser Bitte gibt.“ Am Plaça de Sant Jaume war man sich darüber mehr als einig. In den Rathäusern der umliegenden Ortschaften gab es dagegen weniger Begeisterung.

Diskrepanzen zwischen den Klassen

Vor allem einem Teil der wohlhabenderen Gesellschaft missfiel die Idee der Annektierung der umliegenden Gebiete. Durch ein Dekret aus dem Jahre 1716 erhielten die Gemeinden und Institutionen des Umlandes völlige Unabhängigkeit. Die Vorstellung, sich wieder der Verwaltung der Hauptstadt unterordnen zu müssen, führte zu heftigen Diskussionen.

Carrer Sant Crist Sants
Carrer de Sant Crist Ende des 19. Jahrhunderts (Archiv des Ajuntament de Sants)

Aber was war der Hauptgrund für die ablehnende Haltung? Der Geldbeutel. Die Integration in Barcelona bedeutete, mehr Steuern zahlen zu müssen. Der Arbeiterklasse war es ziemlich egal, ob sie „vom Dorf“ oder Einwohner der Stadt sind. Ihr Leben mit täglich 12 bis 14 Stunden Arbeit auf dem Feld oder in der Fabrik würde davon nicht beeinflusst werden. Dagegen interessierte es die Elite umso mehr, in welcher Gemeinde sie ihre Steuern zahlten.

Der Kuba-Krieg

Auch die Regierenden in Madrid waren nicht daran interessiert, dass Barcelona in Bezug auf Einwohner und Größe größer wurde. Der Kubakrieg zwang die Königin allerdings, ihr Einverständnis zu den Plänen zu geben. Warum? Auch wegen dem lieben Geld! Denn mitten im Krieg wurden die Ressourcen des Staates knapp und neue Einnahmequellen waren mehr als willkommen.

Da Barcelona einen höheren Steuersatz hatte, war die zentrale Exekutive daran interessiert, dass ihre „unabhängigen“ Nachbarn die gleichen Steuern zahlen. Oder anders ausgedrückt wollte der Staat, dass Gebiete wie Sants oder Sant Martí keine „Steueroasen“ mehr sind.

„In den folgenden zehn Jahren wird die Besteuerung um Zehntel erhöht wird, bis sie das Niveau der Gesamtbevölkerung erreicht“. So wurde es in einem königlichen Dekret niedergeschrieben. Es traf, wie so oft, erst einmal die Arbeiterklasse. Eine Gemeinde, in der in der Mehrheit wohlhabende Industriellen lebten, umfasste dieser noch nicht. Sarrià wurde nämlich erst 1921, über 20 Jahre später, im Jahre annektiert.

Die erste Immobilienblase

Nicht nur das Königreich hatte ein wirtschaftliches Interesse, auch privaten Makler rieben sich die Hände. Wer Land in den Gebieten besaß, die zur Stadt hinzugefügt wurden, spekulierte mit Wertsteigerung. Der Stadtrat von Barcelona hatte Jahre zuvor Land in Gràcia gekauft, um dort das Krankenhaus Clínic zu bauen. 

Eröffnung Passeig de Gràcia
Der Passeig de Gràcia wurde 1870 eröffnet (Foto: Archiv, Ajuntament de Barcelona)

Die Baugenehmigung für die Sagrada Família wurde übrigens auch an einem 20. April beantragt. Aber nicht in Barcelona, sondern im Rathaus von Sant Martí de Provençals. Der weltberühmte Tempel steht nämlich auf Grund und Boden, der 1885 noch nicht zur Stadt gehörte. Aus diesem Grund hatte die Basilika auch bis vor ein paar Jahren keine gültige Baugenehmigung der Stadtverwaltung von Barcelona. „Man baute all die Jahre mit der Genemigung, die in Sant Martí ausgestellte wurde“, erläutert der Historiker Josep Maria Contel. 

Und auch in Gràcia wurde spekuliert. Dort gab es so einige Leute, die sich vor der Annexion Land aneigneten und anschließend davon profitierten.

Die Gegner der Annexion

Aber zurück zu denen, die nicht zu Barcelona gehören wollten: den Eliten. In den politischen Akten galt der der Annexion als „vollendet“. Die gutbürgerliche Klasse organisierten sich allerdings gegen die Hausherren des Plaça de Sant Jaume. Der Historiker, der selbst aus Sant Andreu stammt erzählt, dass die Gemeinde im Norden sogar einen Anwalt eingestellt.

Es war die einzige Gemeinde, die einen Verwaltungsstreit gegen die Annexion anzettelte. Der Streit wurde jedoch Jahre später abgewiesen. „Es ging zu jener Zeit lange nicht so demokratisch zu wie heute“, erinnert sich Vinyes. “ Bei dem, was die Monarchie diktierte, gab es keinen Raum für Diskussionen.“

Erzwungene Annexion?

Dagegen diskutieren manche heutzutage immer noch darüber, ob es eine erzwungene Annexion war (oder nicht). Einige meinen, die Aggregation musste früher oder später erfolgen. „Es war an der Zeit, dass Nachbar-Gemeinden zur Stadt hinzugefügt wurden, damit eine Stadt wie Barcelona wächst.“ Davon ist zumindest der Historiker Pau Vinyes überzeugt.

Sant Andreu Ende 19. Jahrhundert
So sah Sant Andreu noch Ende des 19. Jahrhunderts aus (Archiv, Ajuntament de Sant Martí)

Letztendlich machte der Plan Cerdà die historischen Zentren der vormals unabhängigen Gemeinden auch nicht kaputt. Selbst die Avinguda Meridiana wurde in einer geschwungenen Kurve gebaut. Damit nahm man Rücksicht auf Sant Andreu, das auf diese Weise nicht in zwei Hälften geteilt wurde.

“Anem a Barcelona”

Viele der Eigenschaften der ehemals eigenständigen Ortschaften sind bis heute erhalten geblieben. Sie wurden nicht von der Atmosphäre überschattet die eine große Stadt normalerweise erzeugt. Einige lokale Einrichtungen und Verbände sind allerdings mit der Zeit verschwunden. Administratives wurde dabei weitgehend von der Stadtverwaltung Barcelonas übernommen.

Die umfangreichen Veränderungen erreichten jedoch nie alle Bevölkerungsschichten. So gibt es einen Satz, den man bei vielen Nachbarn in Sants, Sant Gervasi oder Sant Andreu, immer noch hört. Über 120 Jahre danach sagen sie, wenn sie in die Innenstadt gehen: anem a Barcelona (wir gehen nach Barcelona).


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